Arbeitszeugnis Formulierungen richtig lesen

Der Chef Manfred hat sich noch immer nicht geäußert, ob sich die Mitarbeiterinnen Lydia und Constanze ihre Arbeitszeugnisse selbst schreiben sollen. Um auf alle Eventualitäten bestens vorbereitet zu sein, üben die beiden sich etwas in der Chiffrierkunst, durch die man die dem Arbeitszeugnis entsprechende Note ausdrückt. Hierbei wollen sie auf alle Teile des Zeugnisses, in denen die Arbeitgeber mit Chiffren oder Codes arbeiten, eingehen.

Die Geheimsprache im Arbeitszeugnis

"Lass uns doch mit dir anfangen, Constanze. Wir nehmen das Erstellen von Präsentationen als Beispiel, ok?" "In Ordnung, also lass uns mal die Noten von 1 bis 3 durchprobieren … so zum Beispiel: Constanzes Präsentationen waren, auch unter großem zeitlichem Druck und sehr schwierigen Anforderungen durch unsere Kunden, stets außerordentlich kreativ und sehr überzeugend." "Ja, das ist super, das wäre eine Note 1. Jetzt lassen wir mal was weg und machen eine 2 daraus: Constanzes Präsentationen waren, auch unter zeitlichem Druck und schwierigen Anforderungen durch unsere Kunden, stets kreativ und überzeugend." "Oha, das klingt ja schon gleich ganz anders. Auch wenn man sich nicht so mit den raffinierten Formulierungen im Arbeitszeugnis auskennt, merkt man doch sofort, dass diese Überhöhung fehlt. Das kann ja nicht so gut sein. Jetzt mal noch eine 3 als Bewertung: Constanzes Präsentationen waren kreativ und überzeugend." "Da fehlt jetzt schon so viel, dass es eigentlich eher nach dem Gegenteil klingt: war nicht gut, sondern gerade mal befriedigend." "Genau. Ich glaube, wir haben das Prinzip verstanden."

Im Allgemeinen gilt für jedes Arbeitszeugnis: In Arbeitszeugnissen werden auch kritische Beurteilungen noch wohlwollend formuliert, während positive Beurteilungen durch sprachliche Techniken aufgewertet werden. In der Regel wird eine einfache Aussage wie "Constanzes Präsentationen waren kreativ und überzeugend“ (Note 3) durch ein Temporaladverb (stets, jederzeit, immer) zur Note 2 aufgewertet: "Constanzes Präsentationen waren stets kreativ und überzeugend". Eine weitere Aufwertung ist durch einen Superlativ bzw. ein steigerndes Modaladverb (höchst, best, äußerst, sehr, außerordentlich) möglich: "Constanzes Präsentationen waren stets außerordentlich kreativ und überzeugend“ (Note 1). Nach diesem Benotungsprinzip der "Zeugnissprache“ werden seit den 1970er Jahren von verschiedenen Autoren Textbausteine publiziert, die mit Schulnoten gleichgesetzt sind. Da sich mit diesen benoteten Textbausteinen Arbeitszeugnisse schneller schreiben lassen – insbesondere auch mittels Zeugnis-Software – haben sie sich in der Praxis weitgehend durchgesetzt, auch wenn das Prinzip nicht unumstritten ist.

„Ach so ist das“, staunt Constanze, „dann muss ich nur in jede Beurteilung ‚stets sehr‘ oder ‚immer höchst‘ einbauen und habe dann ein sehr gutes Zeugnis?“ „Wenn das so einfach wäre“, sagt Lydia, „die Beurteilung muss auch zu deinen Aufgaben als Volontärin in unserem PR-Büro passen und glaubwürdig zeigen, dass du diese aus Sicht von Manfred sehr gut ausgeführt hast. Dabei sollten deine Arbeitsmotivation, deine persönlichen Fähigkeiten und Kenntnisse als PR-Volontärin, deine Arbeitsweise und deine Arbeitsergebnisse beurteilt werden. Und weil das Lernen für Volontäre besonders wichtig ist, sollte Manfred auch deine erfolgreiche Weiterbildung beurteilen und wie du neue Kenntnisse praktisch eingesetzt hast.“ „Mensch, Constanze, da muss ich ja erstmal genau über meine Zeit hier nachdenken. Aber die Beurteilung meiner Präsentationen, die für Manfred besonders wichtig waren, war doch schon ein guter Anfang!“

Formulierung der Zufriedenheit Aussage

Die Zufriedenheitsaussage schließt sich im Arbeitszeugnis an die Beurteilung der Leistung an. Hier wird noch einmal zusammengefasst welche Qualität der Arbeitgeber dem Geleisteten insgesamt beigemessen hat. Lydia dekliniert noch einmal drei Beispiele durch: "Constanze hat unsere Erwartungen an eine Volontärin zu jeder Zeit in bester Weise erfüllt. Die ihr übertragenen Aufgaben erledigte sie stets zu unserer vollsten Zufriedenheit. Eine solche Bewertung entspräche einem Arbeitszeugnis Sehr gut. Hier mal im Vergleich die 2: Constanze hat unsere Erwartung an eine Volontärin zu jeder Zeit gut erfüllt. Die ihr übertragenen Aufgaben erledigte sie stets zu unserer vollen Zufriedenheit." "Und jetzt nochmal das Beispiel, was ich nicht auf meinem Arbeitszeugnis sehen möchte, also für eine 3: Constanze erledigte die ihr übertragenen Aufgaben zu unserer vollen Zufriedenheit. Kurz und schmerzlos und leider auch nur befriedigend in der Bewertung." Der zusammenfassenden Zufriedenheitsaussage folgt im Regelfall die Beurteilung des Verhaltens.

Welche Formulierung für die Verhaltensbeurteilung im Arbeitszeugnis

In der Beurteilung des Sozialverhaltens können sowohl der Umgang mit Vorgesetzen und Kollegen als auch das Verhalten gegenüber Kunden, Patienten oder Klienten zusammengefasst werden: "Jetzt bist du mal dran, Lydia. Ich würde vorschlagen, wir nehmen deine Kundenkontakte als Aufhänger. Bei der Formulierung gilt ja im Grunde das Gleiche wie bei der Leistungsbeurteilung. Also: Unsere Kunden haben Lydia wegen ihres professionellen Engagements und ihrer überaus freundlichen Art stets außerordentlich geschätzt." "Ich finde ja, die 1 habe ich auch verdient … aber lass uns das nochmal als Arbeitszeugnis Gut formulieren: Unsere Kunden haben Lydia wegen ihres Engagements und ihrer freundlichen Art stets geschätzt. Klingt immer noch gut aber eben nicht herausragend." "Warte mal auf die 3 – da klingt das nämlich so: Unsere Kunden haben Lydia wegen ihrer freundlichen Art geschätzt." "Also, ich hoffe nicht, dass das so in meinem Zeugnis steht!" Wie schon in den vorangegangen Abschnitten des Arbeitszeugnisses gelten auch in der Verhaltensbeurteilung Formulierungen wie "stets außerordentlich" oder "jederzeit vorbildlich" als Anzeichen für eine sehr gute Bewertung.

Abschluss Formulierung im Arbeitszeugnis: Dank, Bedauern und Zukunftswunsch

Trennen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer in gutem Einverständnis, so ist es üblich, im Arbeitszeugnis die Beendigung der Zusammenarbeit zu bedauern und einen Dank für das Geleistete sowie gute Wünsche für die berufliche Zukunft zu formulieren. Wird dieser Abschnitt ausgelassen, deutet dies auf Schwierigkeiten zwischen dem Vorgesetzten und dem Angestellten hin.

Constanze und Lydia üben zum Abschluss auch den letzten Teil des Arbeitszeugnisses zu formulieren. Lydia versucht es einmal so: "Constanzes Arbeitsvertrag kann nach ihrem Volontariat aus betrieblichen Gründen nicht verlängert werden. Wir bedauern das sehr, bedanken uns für die stets sehr gute Zusammenarbeit und wünschen ihr für ihren beruflichen und privaten Weg alles Gute. - Das ist die 1 mit Sternchen, Constanze." "Ich hoffe doch, dass Manfred mein Weggehen bedauert. Schließlich koche ich hier den besten Kaffee, haha. Ok, jetzt wieder ernsthaft, ich versuch mal die Note 2 zu formulieren: Constanzes Arbeitsvertrag kann nach ihrem Volontariat aus betrieblichen Gründen nicht verlängert werden. Wir bedauern das sehr, bedanken uns für die stets gute Zusammenarbeit und wünschen ihr für ihren beruflichen und privaten Weg alles Gute. – Ich hab jetzt eigentlich nur das "sehr" weggelassen, ist das ok so?" "Ja, das scheint mir richtig zu sein. Als Arbeitszeungis Befriedigend klänge es dann so: "Constanzes Arbeitsvertrag kann nach ihrer Zeit als Volontärin aus betrieblichen Gründen nicht verlängert werden. Wir bedauern das, bedanken uns für die Zusammenarbeit und wünschen ihr für ihren beruflichen und privaten Weg alles Gute." "Arbeitszeugnis selber schreiben oder interpretieren müssen – ich glaube, wir sind jetzt gerüstet!"